Am nächsten Tag kaufte ich mir einen Stapel Papier und begann mit meinen Aufzeichnungen. Blatt für Blatt füllte ich mit Stichworten und kleinen Skizzen und versuchte alles festzuhalten, was ich seit meiner Ankunft auf der Insel erlebt hatte. Dann glich ich mein Logbuch mit den E-Mails ab, die ich dem Freund, der mein Haus bewohnte, geschrieben hatte. Einige der Erlebnisse kamen in meinen Aufzeichnungen nicht mehr vor. Ich erinnerte mich nicht an sie.
Am Abend sass ich mit Fräulein Mö vor dem Haus und versuchte, die Geschehnisse vom Nachmittag zu ordnen. Ich erinnerte mich an den Schwächeanfall, an Lolas Sieg und an die besorgten Gesichter, als ich mich am Zaun festklammerte und die Orientierung verlor. Doch den Schluss des Rennens hatte ich nicht gesehen, meine Erinnerung setzte erst dann wieder ein, als Lola durch das Ziel kam.
Der Sohn des Krabbenfischers hatte mich nach Hause gebracht. Ich versicherte ihm, dass es mir gut ginge, dass es einfach zu viel gewesen sei – die Sonne, die Menschen, die Aufregung –, und obwohl ich dies auch mir wieder und wieder einzureden versuchte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.
Dem Meer zuhören, wenn
du einatmest, wenn du
ausatmest, das Meer in
dir zu hören, sei leise,
achtsam: Schon fliegt
eine Möwe über deinem
Atmen legen ihre Flügel
sich auf den Wind: Ein
und aus was sind das
Leben, das Meer, der
Flug einer Möwe der
Wind dazu vielleicht
fliegst ja du
Ich stand mit dem Sohn des Krabbenfischers, dem Postboten und der Frau des Hafen-Cafés am Zaun. Der Sohn des Krabbenfischers stand direkt hinter mir. Die Glocke erklang und die Schafe rannten los. Lola sprang schnell. Vor dem zweiten Hindernis hatte sie vier ihrer Konkurrenten überholt und war in die Mitte des Felds vorgedrungen. Ich wollte ihr etwas zurufen, doch was aus meinem Mund kam, klang sonderbar. Ich erkannte meine eigene Sprache nicht mehr. Mir war schwindelig und ich lehnte gegen den Zaun, bis der Schwindel vorüber war. Alles ging sehr schnell. Lola war im Ziel angekommen.
Am Tag des Schafrennens veränderte sich viel. Lange glaubte ich, dass an diesem Tag das langsame Vergessen begann, auch wenn die Ärzte mir wieder und wieder versichert hatten, dass die Krankheit schon viel früher ausgebrochen war.
Die Tagebücher des Alten habe ich bis heute nicht ganz gelesen. Immer wieder hole ich ein Buch aus dem Versteck hervor und schlage es an einer zufällig gewählten Stelle auf, um nur ein paar wenige Sätze zu lesen und es dann zurückzulegen. Es bringt mir nichts mehr, mich jetzt mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Bereits die erste Fähre hatte unzählige Tagestouristen entlassen, die jetzt mit den Einheimischen an den Zäunen standen, deren Weiss der Bauer, dem das Land und die Schafe gehörten, jedes Jahr von neuem auffrischte.
Die zwölf Schafe warteten geduldig in ihrem Startfeld. Der Bauer hatte sie mehrere Wochen lang auf die 100 Meter lange Rennstrecke vorbereitet, die in einem mit Futter gefüllten Anhänger endete. Auf die Schafe wurde ein frei gewählter Betrag gesetzt, und weil auf ein Schaf mehr als eine Wette fiel, wurden die Gewinner am Ende des Rennens per Los entschieden.
Der Hauptgewinn war jedoch kein Geld, sondern ein junges Schaf, das man – vorausgesetzt, man verfügte über die notwendige Infrastruktur – mit nach Hause nehmen durfte oder bei seinem Besitzer beliess, um es im nächsten Jahr ins Rennen zu schicken.
Ich hatte mich vom Sohn des Krabbenfischers zu einer Wette überreden lassen und setzte auf das kleinste Schaf. Ein dickliches Tier mit langer, etwas verfilzter, braunweisser Wolle. Es trug ein gelbes Halsband und hiess Lola. Ich rechnete mir wenig Chancen aus.
Eine Veränderung fand statt. Die Temperaturen stiegen an, die Zahl der Tagestouristen nahm zu, die Wildblumen begannen zu blühen und der immergrüne Teppich, der die Insel überzog, wurde heller. Ich begann die Menschen zu mögen.
Der Sohn des Krabbenfischers warf seine Körbe jetzt täglich aus – die frischen Krabben verkauften sich gut.
Fräulein Mö blieb in der Nähe des Hauses. Ich baute ihren Unterschlupf aus und beschäftigte mich vermehrt im Garten. Auch meine Geschichte nahm langsam Fahrt auf.
Der Sommer war da und die Insel bereitete sich für das Schafrennen vor.